ShivadharmaShastra
Das Śivadharmaśāstra ist derer älteste Text des Śivadharma-Korpus. Der Text befasst sich mit der Andachtspraxis und den religiösen Bräuchen des Laienanhängers.
Manuskript- und Inschriftenfunde belegen, dass das Śivadharmaśāstra unter den Śaivas einen immensen Einfluss ausübte. Während die Purāṇas wie das Śiva Purāṇa und das Liṅga Purāṇa große Popularität erlangten, geriet der Śivadharma-Korpus so sehr in Vergessenheit, dass bis 2014 nicht einmal eine Hindi-Übersetzung verfügbar war. 1998 wurde in Kathmandu eine nepalesische Ausgabe und Übersetzungen einiger Texte des Korpus veröffentlicht. 2014 wurde eine Hindi-Übersetzung vom Sanskrit-Gelehrten Shri Krishna Jugnu in Angriff genommen. Parallel dazu läuft in der westlichen Wissenschaft ein vom Europäischen Forschungsrat (ERC) gefördertes Projekt, das alle Manuskripte des Śivadharma-Korpus erfassen und eine kritische Edition sowie eine englische Übersetzung erstellen soll. Dieses umfangreiche, vom ERC geförderte Projekt wird Einblicke in das vom Śaivaismus geprägte sozio-religiöse Leben Indiens im 6. bis 10. Jahrhundert ermöglichen.
Bemerkenswert ist, dass sich das Śivadharmaśāstra seine Eigenständigkeit gegenüber der vedischen Tradition bewahrt. So vertritt der Text anstelle des vedischen Varṇāśrama-Dharma das Śivāśrama-Dharma, in dem die Lebensspanne eines Anhängers nach seiner Hingabe zu Śiva eingeteilt wird. Die vier Gesellschaftsklassen werden kaum erwähnt und stattdessen wird jeder Mensch unter dem Begriff Śivabhakta (Śiva-Anhänger) zusammengefasst. Selbst das Wissen der Veden wird im Vergleich zur Hingabe an Śiva und dem Wirken für ihn als untergeordnet angesehen. Die Śaiva-Tradition und besonders bestimmte Formen des Initiations-Shivaismus verstand sich nicht als Teil der vedischen Tradition, sondern als eigenständige religiöse Tradition, deren Texte im Vergleich zu den Veden eine höhere Form der Offenbarung darstellten.